Li­fe­ti­me Achie­ve­ment XAVER-Award

Marco So­la­ri 

SCHWEIZ XAVER AWARD

Marco Solari

Gewinner Lifetime Achievement XAVER-Award 2025

Ein Berufsleben mit supplément d’âme

 

Es gibt Momente im Leben, da tritt man einen Schritt zur Seite. Nicht aus Müdigkeit, sondern weil etwas erfüllt ist. Marco Solari tut das nobel, mit Klarheit und einem Augenzwinkern. Er nennt es «ins Stöckli ziehen». Ein Stöckli ist jenes kleine Haus neben dem Bauernhof im Emmental, wo der Ätti sitzt. Immer bereit mit Rat und Erfahrung zu unterstützen. «Jetzt ist es Zeit. Jetzt bin ich im Stöckli», hält Solari fest. Es ist ein Rückzug aus der Öffentlichkeit, ein bewusster Perspektivenwechsel. Im Wissen, dass ein Leben als öffentliche Person auch bedeutet, im richtigen Moment Platz zu machen. Sein Berufsleben war geprägt von Pflichtbewusstsein, grossem Engagement und starker Verantwortung. Jetzt ist die Zeit, auf das Erreichte mit Stolz zurückzublicken.

 

Im Dienst der Öffentlichkeit

Marco Solari hat nie einen Hehl daraus gemacht: Wer in der Öffentlichkeit arbeitet, steht unter Beobachtung und sitzt im Glashaus. Wer Verantwortung übernimmt, tut gut daran, dies nicht im Verborgenen zu tun.

Schon früh lernte er, was es heisst, Menschen zu führen. Als junger Reiseleiter, unterwegs in Afrika und Asien, war er zunächst überzeugt: Die Extrovertierten, die sich bereits während der Begrüssung überschwänglich zeigten, das müssten die Verlässlichen sein. In einem Krisenmoment war es dann häufig umgekehrt: Die Introvertierten, die Menschen mit leiser Präsenz waren diejenigen, die zur Stelle waren, während die Überschwänglichen sich zurückhielten. Dort begann das, was später zu seinem inneren Kompass und seiner grossen Stärke wurde: mit den Menschen umzugehen, auf ihre Bedürfnisse einzugehen und ihnen Freude zu machen. Dabei verstand er es auch, sie ernst zu nehmen und sie zu fordern, wenn es nötig wurde.

Diese Erfahrungen prägten auch seinen Blick auf Organisationen und Führung. Solari ist überzeugt, dass man in jeder Funktion Erfolg haben kann, wenn man die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat. An der Universität lehrte man ihm: ‘Strategy before structure, structure before people.’ «Während meines ganzen Lebens habe ich aber immer das Gegenteil erfahren. Zuerst kommt der Mensch. Dann kommt die Struktur. Und oft wird dann die Strategie angepasst. Daher setzte ich immer als Erstes auf die Menschen», erklärt Solari.

Für Solari war Führung immer eine Frage der Haltung gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er spricht von Thymos – das Streben nach Anerkennung, die jeder Mensch immer wieder sucht. Leute motiviert man mit Anerkennung ihrer Leistung. Wer mit ihm arbeitet, musste das supplément d’âme beweisen. Supplément d’âme ist dieses innere Engagement, das man aufbringen muss, wenn man etwas bewegen will. «Ich glaube, in einem Beruf muss man alles geben, was man kann. Man muss an das glauben, was man tut.»  Wer dieses Engagement nicht mitbringt, wer sich nur halbherzig einbringt, für den hatte er klare Worte und zog Konsequenzen.

Führen hiess für ihn: präsent sein, Verantwortung übernehmen und sich nie auf Funktionen oder Titel auszuruhen. Solari hat sich nie auf Illusionen verlassen. Er wusste um die Flüchtigkeit des Ruhms, um die Empfindlichkeit der öffentlichen Bühne und um das Vertrauen, das man nur einmal verspielt. Genau deshalb war Solari über Jahrzehnte eine verlässliche Figur: Als Manager, als Kulturpolitiker, als Stimme mit Haltung.

Diese Haltung – geprägt von Klarheit, Seriosität und Nähe zum Menschen – durchzog auch sein kulturelles und politisches Wirken, das untrennbar mit dem Tessin verbunden ist.

 

«Ich glaube, in einem Beruf muss man alles geben, was man kann. Man muss an das glauben, was man tut.»  

 

Zwischen Tessin, Kultur und Identität

Bei allem, was Marco Solari tat, bildet das Tessin den roten Faden in seinem Wirken. Nicht als nostalgischer Sehnsuchtsort, sondern als Auftrag. «Ich war mein ganzes Leben lang mit einer Causa, einem Grund, einem Anliegen unterwegs. Wenn ich je etwas für das Tessin tun kann, dann will ich helfen, ein richtiges Bild davon zu zeichnen.» Er war nie einfach nur Tessiner und verstand früh: Identität ist nichts Statisches, sondern entsteht im Dialog.

Solari hat diesen Dialog gesucht. Zwischen den Sprachregionen, zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Zentrum und Peripherie. Als Delegierter des Bundesrates für die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft brachte er die Schweiz dazu, sich selbst zu feiern und das nicht nur über Mythen, sondern auch faktenbezogen über die Geschichte. Später, in leitenden Funktionen an der Spitze von Migros oder Ringier, nutzte er seine Position nicht für sich selbst, sondern im Dienst der Gemeinschaft.

Seinen grossen, länger dauernden Wirkungsort fand Solari schliesslich in Locarno. Als Präsident des Filmfestivals formte er fast fünfundzwanzig Jahre lang ein Kulturereignis von internationalem Format und zugleich ein Stück kulturelle Selbstbehauptung des Tessins. Für Solari war das Festival nie nur Glamour oder Filmkunst. Es war ein wirtschaftlicher Motor, ein politisches Signal und ein Ort der Identität. «Ein Festival ist kein Selbstzweck. Es ist ein Ausdruck eines kulturellen Selbstverständnisses: Die italienische Schweiz gehört nicht einfach nur zur Schweiz, sie ist nicht nur Randzone, sondern eine gleichwertige Stimme der Schweiz.» Und Kultur war für Solari ein Mittel, diese Stimme hörbar zu machen.

Wenn Marco Solari über das Locarno Film Festival spricht, dann spricht er nicht über Glanzlichter oder Stars. Er spricht über Beziehung. Über Resonanz. Und über eine Bühne, die weit mehr ist als Kulisse. Die Piazza Grande war für ihn nie bloss Projektionsfläche, sondern ein Ort, an dem sich Öffentlichkeit verdichtet. 8’000 Menschen, ein Film, ein Gespräch. Und jedes Wort zählt: «Auf der Bühne kann man nichts zurücknehmen. Die Piazza verlangt Haltung, Wahrheit und Ehrlichkeit.»

Der eindrücklichste Moment auf der Piazza? Nicht etwa ein glamouröser Auftritt, sondern eine Begegnung voller Wahrhaftigkeit: Harry Belafonte. Er sprach zuerst langsam, gab der Übersetzerin Zeit mitzuhalten und wurde dann von seiner eigenen Botschaft mitgerissen. Keine Zeit mehr für die Übersetzung. «Er sprach von Parrhesia – der Mut, die Wahrheit zu sagen, auch wenn es negative Konsequenzen hat. Künstler müssen sagen, was sie spüren und ehrlich sein. Immer. Das Publikum war gebannt. Und dann trat die Übersetzerin Sandra Sain vor, RSI 2-Direktorin, nahm Haltung an und lieferte in zweieinhalb Minuten die beste Zusammenfassung, die ich je gehört habe. Das Publikum tobte. Belafonte spürte, dass dieser Applaus nun ihr galt. Er kam und umarmte sie. Ein sehr ehrlicher, emotionaler Moment.»

Auch hier: keine Inszenierung um der Inszenierung willen. Sondern Überzeugung. Solari wusste, dass diese kulturelle Sichtbarkeit politische Wirkung hat. Und dass Kultur Brücken schlagen kann, wo Sprache, Herkunft oder Religion trennen.

Ein solches Wirken bleibt nicht ohne Wirkung – und ohne Würdigung. Mit dem Lifetime Achievement Award wird nicht nur seine Laufbahn ausgezeichnet, sondern auch das, was er für das kulturelle Selbstverständnis der Schweiz bewegt hat.

 

Lifetime Achievement Award – Auszeichnung eines erfüllten Wirkens

Und nun erhält Marco Solari den Lifetime Achievement XAVER-Award der Swiss LiveCom Association EXPO EVENT. Was aber bedeutet ihm diese Ehrung persönlich? «Einerseits ist es Thymos [Ehrgefühl und Streben nach Anerkennung], andererseits, es ist ein Preis für das Lebenswerk», sagt Solari. «Das ist natürlich auch mit einer gewissen Traurigkeit verbunden, denn diesen Preis gibt es nicht mit 30 oder 40 Jahren, sondern wenn man bereits Grossvater, also ein Ätti, ist.»

Es ist eine klare, ruhige Feststellung. Wer so lange im öffentlichen Dienst gelebt hat, weiss, wann es Zeit ist, den Vorhang zu schliessen. Marco Solari nennt es wie am Anfang beschrieben das «Stöckli». Es ist ein Abschied, aber auch ein Innehalten mit dem Wissen, dass ein Lebenswerk nicht mit dem letzten Amtsjahr endet, sondern in Menschen, Ideen und Spuren weiterlebt. «Ich empfinde es als Privileg, dass ich mein Berufsleben mit meiner Frau Michaela und einer Standing Ovation der Piazza, die aber wahrscheinlich mehr meiner Frau und ihrer lebenslänglichen Diskretion galt als mir, abschliessen durfte.» Passend dazu ist der Lifetime Achievement Award kein Abschiedsgeschenk, sondern eine Verbeugung für ein beeindruckendes Wirken.

Solari blickt mit Dankbarkeit und ohne jegliche Bitterkeit zurück. Er spricht von Zügen, die halten und davon, dass man manchmal nur wenige Sekunden Zeit hat, sich zu entscheiden: einsteigen oder stehen bleiben. Solari ist oft eingestiegen. Und hat fast immer den richtigen Zug erwischt: «Wenn ich zurückblicke: Ich würde alles wieder so machen.» Nun steigt Solari aus, ohne Pathos, aber mit Haltung. In der Politik und auch in der Eventbranche spricht man häufig von: «Servir et disparaître»: dienen – und sich zurückziehen.

Quelle Bild: VOLLTOLL / Manuel Lopez